Ab dem 1.7.2016 kommt es zu Neuerungen im Bereich der Fahreignungsuntersuchungen. Die Untersuchung von Fahrzeuglenkerinnen und lenkern ab 70 Jahren ist neu an die Erfüllung gewisser Bedingungen geknüpft. Es ist festzuhalten, dass die zu erfüllenden Bedingungen mit Augenmass formuliert wurden. Wahlweise ist eine Selbstdeklaration oder der Besuch einer eintägigen Weiterbildung der Schweizerischen Gesellschaft für Rechtsmedizin (Module 1–3) möglich. Es bleibt indes zu hoffen, dass die Preise für diese Module wie auch diejenigen der Stufe 2 (Module 4–6) moderat ausfallen und nicht in Analogie zu vielen anderen Bereichen eine weitere Cashcow generiert wird. Eine bessere Kenntnis der einschlägigen gesetzlichen Bestimmungen kann sicher nicht schaden. Alle fünf Jahre ist hinsichtlich Stufe 1 zu bestätigen, dass der Wissensstand à jour ist, und für die Stufe 2 ist eine halbtägige Fortbildung zu absolvieren. Es gilt eine Übergangsfrist bis zum 31.12.2017. In Zukunft kann jeder Arzt mit der entsprechenden Qualifikationsstufe die entsprechenden Fahreignungsuntersuchungen anbieten. Über die Plattform www. medtraffic.ch können Fahrzeuglenker die Ärzte der benötigten Qualifikationsstufe suchen. Dies entspricht einer Marktliberalisierung. Es bleibt zu hoffen, dass diese der Qualität zuträglich sein wird und alle teilnehmenden Kolleginnen und Kollegen Fallzahlen aufweisen, die die nötige Routine gewährleisten. Ein ausgezeichneter Informationsartikel hinsichtlich der Neuerungen durch Via sicura findet sich in der Schweizerischen Ärztezeitung: SAEZ 2015;96(42):1511–4. Dessen sorgfältige Lektüre ist allen interessierten Kolleginnen und Kollegen sehr zu empfehlen.

Medizin und Verkehr – Gedanken
Dank des oben erwähnten Artikels in der Schweizerischen Ärztezeitung bietet sich nach kurzer Erwähnung einiger weniger Fakten die Möglichkeit freier Gedanken zum Schwerpunktthema der aktuellen Synapse. Medizin ist auf Verkehr angewiesen. Austausch von Wissen und Erfahrungen sind fundamental für unsere Profession. Aktuell werden Barrieren, Schranken und Zäune errichtet. Als Argumente werden manchmal eine Steigerung oder zumindest Bewahrung der Qualität angeführt. Ist dem wirklich so? Geht es nicht manchmal schlicht nur um die Bewahrung von Pfründen?

Verkehr braucht Fluss. Zieht ein zunehmender administrativer Aufwand nicht in unethischer Weise Ressourcen von der Kernaufgabe ab, insbesondere in Zeiten eines sich abzeichnenden Personalmangels im Gesundheitswesen? Sicherlich dann, wenn quantitativ Daten zu erheben sind, nur weil sie messbar sind, jede Fachperson aber um die mangelnde Aussagekraft dieser Daten weiss. Auch im Rahmen der aktuellen Versorgungsforschung wurden am 9. November 2015 in Bern unter anderem Daten präsentiert, mit fehlender oder ungenügender Diskussion relevanter Störfak toren (Confounding) oder systematischer Fehler (Bias). Auf Grund einer Analyse von Rechnungsdaten wurde festgehalten, dass die Ärzteschaft nur bei 20% aller Diabetiker das LDLCholesterin bestimmt. Es wurde auf eine massive Unterversorgung der Diabetiker und eine Ignoranz aktueller Guidelines durch die Ärzteschaft geschlossen. Offensichtlich ist den Studienautoren weder der Aufwand einer direkten LDLMessung noch die FriedewaldFormel bekannt. Auch nicht, dass Laboruntersuchungen im stationären Bereich pauschal abgerechnet werden und wir geneigt sind, diese Resultate in unsere ambulanten Krankengeschichten aufzunehmen und redundante Untersuchungen nach Möglichkeit vermeiden. Dies, um eine unnötige Belastung des Patienten und Kosten zu verhindern. Es gab auch lohnende erste Analysen: eine Untersuchung der Coronarographien nach Kliniken. Die Präsentationen sind online abrufbar über die Homepage der SAMW. Wie lassen sich solche Unzulänglichkeiten vermeiden? Partizipation heisst das Zauberwort: nicht eine Studie über Ärzte, sondern in Zusammenarbeit mit den Ärzten. Dasselbe gilt auch für alle anderen Berufsgruppen im Gesundheitswesen wie Physiotherapeuten, Psychologen, Pflegende, Ergotherapeuten und viele andere mehr. Mindestens sollte man seine Studienergebnisse durch Fachleute aus den betroffenen Berufsgruppen, die an der Front aktiv sind, validieren lassen. 

Verkehr braucht Transparenz, auch um Unfälle zu vermeiden. Bei der Entstehung dieser Nummer wurde deutlich, dass um das Thema Suizid und Tod noch immer relevante Tabus bestehen. Es gelang der Redaktion der Synapse nicht, von dazu berufener Seite einen Artikel über im Verkehr traumatisierte Berufschauffeure und Lokführer zu erhalten. Die Pressestelle der SBB, die wir angefragt hatten, begründete den abschlägigen Bescheid damit, dass «wegen der zurückhaltenden Berichterstattung die Suizidrate auf einem stabilen Niveau» geblieben sei. Verkehr und die Illusion der totalen Sicherheit – Verkehr schliesst Unsicherheit und Restrisiko mit ein. Auch unsere Tätigkeit ist immanent mit Unsicherheit behaftet, nur schon darum, weil Menschen keine genormten Industrieprodukte sind. Das Zulassen dieser Unsicherheit ist auch Ausdruck einer humanistischen Medizin.

Und manchmal hat man einfach nur Glück gehabt, wie ich am 13. November in Paris. Unfassbares Leid ist über viele gekommen. Dieses Leid ist Folge eines Wahnsinns, dem viele Flüchtlinge in gewissen Ländern täglich ausgesetzt sind. Wem ist da eine Flucht zu verdenken? Ich wünsche den politisch Verantwortlichen die nötige Sensibilität, zwischen Symptomund Ursachenbekämpfung unterscheiden zu können und entsprechend zu handeln.

Dr. med. Carlos Quinto, MPH

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