Interprofessionalität konnte ich schon während meines Medizinstudiums geniessen. Am besten und wirklich gelebt wurde sie allerdings in den Niederlanden: Visiten in der Inneren Medizin zusammen mit Pflegedienst, Sozialdienst und Spitalapothekerin und bei Bedarf, wenn Patientinnen mitbetreut wurden, mit Physiotherapie, Ergotherapie und Logopädie. Wöchentlich eine Stunde Schulung durch die Spitalapothekerin. Selbst nach über zwanzig Jahren kann ich behaupten, dass mich die Zeit in der Inneren Medizin in Utrecht hinsichtlich der Werte, Haltungen und praktischer Fähigkeiten positiv geprägt hat.

Vor wenigen Jahren durfte ich Interdisziplinarität nochmals erleben, als mich eine schwedische Kollegin durch ein Grundversorgungszentrum (Primärvården) führte. In der Schweiz erlebte ich partiell Vergleichbares in einer Rehabilitationsklinik. Die Kliniken im somatischen Akutbereich in der Schweiz waren vor 20 Jahren noch sehr hierarchisch organisiert, sowohl innerhalb wie auch zwischen den Gesundheitsberufen. Am ausgeprägtesten erlebte man dies an den Universitätsspitälern. Am besten wurde Interdisziplinarität in den kleinen Regionalspitälern gelebt, mit einer gewissen Varianz hinsichtlich der Persönlichkeit der jeweiligen Chefärzte. Allerdings hat sich die Interdisziplinarität durch Spitaldirektoren ohne medizinischen Hintergrund (und mit «Hilfe» einer Menge von Qualitätsbeauftragten, die Ressourcen vom Kernprozess abziehen) keineswegs verbessert, sondern eher verschlechtert. «Interdisziplinarität» ist zu einem Schlagwort geworden. Es beschleicht einen das ungute Gefühl, dass es zu einer inflationär gebrauchten Worthülse verkommen wird wie «Kompetenzzentrum», «Patientenkompetenz», »Nachhaltigkeit» etc. Sicher wird Interdisziplinarität dazu beitragen, die Probleme, welche uns hinsichtlich Personalmangel im Gesundheitswesen und demographisch bedingter gesteigerter Nachfrage bevorstehen, mitzulösen. Allerdings haben Bundesbehörden und Politik seit 2008 über 6 Jahre gebraucht, bis erste Schritte in die richtige Richtung unternommen wurden. Fur eine erfolgreiche Einfuhrung von Interdisziplinarität braucht es aber einiges mehr: Es braucht einen Kultur- und Wertewandel. Dieser ist an einigen Spitälern und in vielen Praxen zwar schon vorhanden. Zusätzlich bräuchte es einen TARMED-Tarif, der nicht jahrelang durch santésuisse blockiert wird (und deshalb hoffnungslos veraltet ist und keine Entwicklung von Interdisziplinarität zulässt).

Was für Grundlagen gibt es heute in der Schweiz zu diesem Thema?
• Es gibt eine Homepage und Plattform von MFE zur Interdisziplinarität (http://www. interprofessionalitaet.ch/). Über deren Inhalt kann sich jeder selber ein Urteil bilden.
• Es existiert ferner ein 120 Seiten umfassendes Dokument der Themengruppe «Interprofessionalität » unter der Leitung des Bundesamtes für Gesundheit, das dieses 2013 veröffentlicht hat. Es beschränkt sich auf eine ordentliche Anzahl elaborierter didaktischer Fallvignetten und lässt relevante, heikle Gebiete aus, was aber zu Beginn auch deklariert wird. So heisst es in dem Bericht:

«Die Themengruppe richtet ihre Arbeit klar auf Fragen der Bildung aus und nicht auf Fragen der Gesundheitspolitik. Sie verfolgt das Ziel, vorrangig für die ärztliche Bildung konkrete Lösungen zu entwickeln, die kurzfristig umgesetzt werden können. Dazu bezieht sie in ihre Arbeit punktuell Begleitgruppen und eine Steuergruppe ein, deren Zusammensetzung von der Plattform bestimmt wurde» (Seite 7). «Der Entscheid für oder gegen die Einführung einer interprofessionellen Lehre hängt vom Willen und von den Möglichkeiten der Ausbildungseinrichtungen im Rahmen der Lernziele der SMIFK (SCLO II) ab. […] Es ist allerdings auf nationaler Ebene weder eine Absprache noch eine Koordination der Ausbildungsbemühungen zwischen den Universitäten oder den Universitäten und den für die Ausbildung der Gesundheitsberufe zuständigen Fachhochschulen / höheren Fachschulen feststellbar» (Seite 18). «Kein Beruf besitzt für sich allein genommen die ganze Fachkompetenz, die erforderlich ist, um die komplexe Bandbreite der Bedürfnisse zahlreicher Nutzerinnen und Nutzer von Gesundheitsleistungen zufriedenstellend und wirksam zu erfüllen. […] Dennoch muss aber weiterhin der Grundsatz der Notfallmedizin gelten, wonach die Triage zwingend von den Fachleuten mit der grössten klinischen Erfahrung gemacht werden muss» (S. 26). Hier sollte noch präzisiert werden: «Auf der entsprechenden Stufe». Essentiell im Bericht ist die folgende Aussage: «Aus diesem Grund müssen alle betroffenen Berufsgruppen (Ärzteschaft, diplomiertes Pflegefachpersonal, aber auch Physiotherapeuten, Apotheker, medizinische Praxisassistent/Innen, Psycholog/Innen, Ernährungsberater/ Innen, Hebammen und gegebenenfalls medizinisch-technisches und administratives Personal sowie andere Berufe) gemeinsam eine kritische Reflexion über die eigenen Kompetenzen, ihre Erwartungen und Befürchtungen sowie über die Ansprüche der anderen Berufsgruppen anstellen» (S. 27). Dies ist leichter gesagt als getan. Denn: «Es darf nicht verheimlicht werden, dass in der Schweiz heute das ganze Gewicht der Verantwortung für die medizinische Behandlung im Wesentlichen auf den Schultern der Ärztinnen und Ärzte lastet, obwohl andere Medizinal- und Gesundheitsberufe im Bereich der Pflege oder therapeutischer Interventionen immer mehr Kompetenzen erhalten. Es ist nachvollziehbar, dass die Ärzteschaft dies als eine Form der Diskriminierung sieht, sofern Kompetenzen- und Tätigkeitsfelderweiterung nicht mit einer Umverteilung der Verantwortungen bzw. Haftpflicht verbunden sind. Bei der Rollen-, Aufgaben- und Kompetenzenverteilung oder im Rahmen einer Delegation der Kompetenzen eines Berufs an das interprofessionelle Team muss dies (unter Berücksichtigung der gesetzlichen Grundlagen) teamintern diskutiert werden» (S. 29).

Bei einer solchen Diskussion müsste dann unterschieden werden zwischen: Bei einer solchen Diskussion müsste dann unterschieden werden zwischen:
• «medizinischer Verantwortung,
• organisatorischer Verantwortung,
• administrativer Verantwortung,
• rechtlicher, zivilrechtlicher und strafrechtlicher Verantwortung,
• individueller persönlicher und beruflicher Verantwortung der Teampartner,
• Entscheidkompetenz und Treuepflicht
(institutionell, strukturell, ad hoc) innerhalb des Teams und zwischen dem Team und dem Versorgungssystem, in dem es integriert ist.


Die Auswirkungen administrativer Entscheidungen und von Fragen der Verantwortlichkeiten auf die Behandlung der Patientin oder des Patienten verdienten nach Möglichkeit ebenfalls eine Thematisierung in der IPE (Interprofessional Education) aller Berufe (einschliesslich der Gebote des Risikomanagements, der Fehlerkultur, der Verbesserung der Teamorganisation, der Infragestellung von Entscheidungen usw.)» (S. 29). Gerade im administrativen Bereich werden heute folgenreiche Entscheide getroffen, welche die medizinische Tätigkeit der angestellten Ärztinnen und Ärzte entscheidend beeinflussen. So gibt es beispielsweise ein Praxisnetzwerk-Management, das seinen angestellten Hausärztinnen eine Teilnahme am Notfalldienst, Hausbesuche und eine Mithilfe beim Schularztdienst untersagt. Es gibt krankenkasseneigene Praxisnetzwerke, die den Ärzten vorschreiben, wie sie ihre Leistungen optimiert (sc. nach oben) abzurechnen haben. Es gibt Spitäler, die Leistungsboni für Ärzte einführen und somit fragliche Indikationen stützen, die Statistik hinsichtlich Qualität und Komplikationen so paradoxerweise noch aufbessern und Kosten generieren. Dank DRG richtet sich das Behandlungsangebot zunehmend nicht mehr nach den Patientenbedürfnissen, sondern nach der Abrechen- und Codierbarkeit. Alle diese Weisungen und Anreize wurden nicht von Ärztinnen ausgedacht, sondern von Ökonomen und Juristen in der Administration und der Verwaltung, die damit ordentlich am Gesundheitswesen verdienen, ohne einem Patienten direkt zu nützen! Die Zeit für und die Qualität der Gespräche mit den Patientinnen im stationären Bereich unter DRG nimmt ab, wie in einer Studie (Biller-Adorno) kürzlich belegt wurde. Wie soll es dann um die Qualität der Gespräche zwischen Angehörigen der Gesundheitsberufe stehen, deren Güte eine Voraussetzung für Interdisziplinarität ist? In einer Studie aus Deutschland [1], wo DRGs schon länger verwirklicht sind, finden sich kritische Äusserungen. Im Artikel steht zwar, dass gut gelebte Interprofessionalität die Arbeitszufriedenheit um 20% steigern kann. Erschreckend liest sich allerdings der Teil «Studienlimitationen»: Schlechter Rücklauf, fragliche Repräsentativität, in einigen Kliniken wird sogar die Anonymität der Studie in Frage gestellt, Ängste vor Arbeitsplatzverlust. Im Artikel von Schroeder [2] (Careum) werden Voraussetzungen genannt, die für eine erfolgreiche Umsetzung interprofessioneller Arbeitsweise erforderlich sind: «Wenn man Projekte, die in der Fachwelt als erfolgreich angesehen werden, näher anschaut, zeigt sich, dass die Basis einer guten Zusammenarbeit häufig ähnlich ist. Zusammenarbeit funktioniert potentiell gut in langfristigen, sich wiederholenden Beziehungen; mit gegenseitigen, sich stützenden Transaktionen. Wichtig scheint auch zu sein, dass alle Beteiligten ein Maß an Unabhängigkeit bewahren und über Verhandlungen, Dialog und einen breiten Informationsaustausch die Zusammenarbeit regeln. Parallel dazu muss erkennbar sein, dass interprofessionelles Lernen und Arbeiten in der Institution eine wichtige Bedeutung einnimmt. Das heißt, übergeordnet muss eine Kultur der interprofessionellen Zusammenarbeit etabliert und gepflegt werden, es müssen Organisationsstrukturen und Rahmenbedingungen geschaffen werden, in denen interprofessionelles Lernen und Arbeiten stattfinden kann. Innerhalb der Institutionen wird zu diesem Zweck sowohl berufsgruppen- spezifischen Weiterbildungen, als auch interprofessionellem Lernen ein Platz eingeräumt. Auch Ängste jeglicher Art stellen ein großes Hindernis für eine konstruktive, interprofessionelle Zusammenarbeit dar. Durch das geschickte Einführen neuer Lerninhalte in der Ausund Weiterbildung können Vorbehalte und Ängste minimiert werden. Interprofessionelle Projekte, die initiiert sind, können nur am Leben erhalten werden, wenn sie durch eine interprofessionelle Arbeitsgruppe, in welcher alle Berufsgruppen vertreten sind, begleitet werden. Eine gute interprofessionelle Zusammenarbeit verbessert nicht nur das Arbeitsklima, bündelt Wissen und Kompetenzen, sondern kann erheblich zu einer Erhöhung der Patientensicherheit beitragen.» Jede und jeder möge beurteilen, ob diese Voraussetzungen am eigenen Arbeitsort erfüllt sind. Ich wünsche uns allen, die wir uns für die Interprofessionalität engagieren, eine ordentliche Portion Optimismus im heutigen Umfeld, das von politischer und administrativer Seite mit Worthülsen zugedeckt wird und in Realität schlechtere Rahmenbedingungen und falsche Anreize schafft. Zu guter Letzt noch ein Lesetipp: Wer wissen will, wie es um das stationäre Schweizer Gesundheitswesen und die darin gelebte Interprofessionalität steht, dem sei als spannende und unterhaltsame Lektüre der Krimi von Nicole Bachmann, Endstation Bern (Emons Verlag, 2014), empfohlen.

Dr. med. Carlos Quinto, MPH


[1] Mirjam Körner, Anja S. Göritz, Jürgen Bengel: Evaluation der Teamarbeit und der Arbeitszufriedenheit von Gesundheitsfachberufen. INTERNATIONAL JOURNAL OF HEALTH PROFESSIONS: Volume 1, Issue 1, 2014, Pages 5–12, ISSN 2296-990X, DOI: 10.2478/ijhp-2014-0006

[2] Gabriele Schroeder: Interprofessionalität in der Umsetzung. Pflegewissenschaft 1/2010.

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