Eigentlich ist zu diesem Thema bereits vieles gesagt und geschrieben. Dennoch führen der zunehmende Einfluss ökonomischer Überlegungen und deren hierarchische Platzierung zu einem fortschreitenden Unbehagen bei Angehörigen der Gesundheitsberufe.

Die SAMW hat 2014 ein hervorragendes Positionspapier publiziert: «Medizin und Ökonomie – wie weiter?». Es handelt sich um eine sorgfältige und umfassende Analyse auf gut 40 Seiten. Eine Zusammenfassung findet sich in dieser Synapse auf Seite 10. Das Positionspapier beschreibt, wie sich die Ökonomisierung der Medizin auf den klinischen Alltag auswirken kann. Es wird für ein Miteinander von Medizin und Ökonomie plädiert.
Die meisten von uns spüren die Auswirkungen der Ökonomisierung nicht mehr in einer «kann»-Form, sondern bereits als knallharte, zermürbende Realität. Alle acht im Positionspapier aufgezählten Problembereiche sind real und werden den sich abzeichnenden Personalmangel im Gesundheitswesen wohl kaum mindern (siehe dazu auch den Artikel von H. Amstad, S. 10). Medizinethik und Wirtschaftsethik sind angewandte Ethiken [1]. Sie setzen unterschiedliche Prioritäten und es ist zu erwarten, dass die Schaffung eines gemeinsamen Wertesystems nicht ohne Konflikte und Machtkämpfe ablaufen wird. Zentraler Punkt der Medizinethik ist die Arzt-Patienten-Beziehung.
Diese gilt es zu bewahren und zu beschützen. Dies gelingt nur, wenn wir in einem Umfeld tätig sein können, das diese Beziehung respektiert. Obwohl Zeitnot unser grösstes Problem ist, müssen wir die Energie aufbringen, dieses Umfeld aktiv zu gestalten.
Das Jahr ist gerade einmal zwei Wochen alt. Allein in diesen zwei Wochen drehten sich Gespräche mit Kolleginnen und Kollegen sowie Patientinnen und Patienten um folgende Themen: Ärztinnen und Ärzte, die Patienten von Suiziden abhalten mussten, da diese infolge ökonomisch-politisch motivierter Revisionsentscheide von Sozialversicherungen in existentielle Nöte geraten waren. Mutige Kolleginnen und Kollegen, die in unserem Land ihre Anstellung quittieren und den Weg in die Selbstständigkeit suchen aus ethischen Gründen, da sie eine weitere Tätigkeit unter den neuen Vorgaben des Managements einer grösseren Praxisorganisation nicht mehr mit ihrem Berufsethos vereinbaren können. Kolleginnen und Kollegen, die infolge Praxisschliessungen in der näheren Umgebung von Aufnahmegesuchen neuer Patientinnen und Patienten überrollt werden und nicht mehr in der Lage sind, den damit steigenden administrativen Aufwand zu leisten: Ein Drittel aller Versicherungsanfragen sei medizinisch unqualifiziert und bewirke nur Kosten. Gespräche mit Patientinnen und Patienten, die nun gewisse Medikamente über das Ausland beziehen müssen, da diese aus ökonomischen Gründen in der Schweiz vom Markt genommen wurden. Schwangere und Stillende, bei welchen eine Therapie trotz vorhandener Nebenwirkungsregister und der generell gebotenen Zurückhaltung für alle Involvierten schwierig ist.
Es gab aber auch Erfreuliches: Gemeinsame Anstrengungen institutioneller Vertreter
über die Grenzen von Arbeitsplatz-Settings und Fachdisziplinen hinweg, die Ausbildung des Nachwuchses besser zu strukturieren und administrativ zu vereinfachen.
Vertrauensärzte, mit denen konstruktive Telefongespräche möglich waren. Viele Patientinnen und Patienten, die sich nach einer Behandlung wieder besser fühlen.
Es lohnt sich nicht, in einem Meer von Klagen und Anklagen zu versinken.
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen allen für 2015 gute Gesundheit, genug Zeit und
Energie, damit wir es schaffen, unseren Beruf als schöne, wertvolle und sinnstiftende
Tätigkeit zu erhalten.

Dr. med. Carlos Quinto

[1] Pieper A, Thurnherr U: Angewandte Ethik. Eine Einführung. Beck, München, 1998.

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