Das Fach Psychiatrie und Psychotherapie fühlt sich dem bio-psycho-sozialen Krankheitsmodell verpflichtet. Der Mensch wird als Wesen verstanden, das Körper und Seele hat und als soziales Wesen in einem Kontext steht. Jeder Aspekt oder eine Mischung von Aspekten kann Ausgangspunkt einer Erkrankung sein.

Im Verständnis der Schizophrenie wird biologischen Faktoren ein hoher Stellenwert zuerkannt. Diese Erkrankung zeigt unbehandelt oft schwere Veränderungen, die zu sozialer Ausgrenzung und Stigmatisierung führen. Deren Erforschung zur Prävention und Frühbehandlung soll ermöglichen, die Prognose insgesamt zu verbessern. Die klinische Erfahrung hat gezeigt, dass die Krankheit früh behandelt meist einen viel besseren Verlauf hat, weil zunehmende Wahrnehmungsveränderungen und kognitive Beeinträchtigungen, die jeder neue Krankheitsschub mit sich bringt, öfter vermieden werden können. Die Früherfassung ist aber insofern schwierig, weil die Patienten selbst ihr Leiden verborgen halten möchten und weil die einzelnen Symptome für sich nicht pathognomisch sind. Ohne intuitives Erfassen der Patientenpersönlichkeit wird eine Diagnose schwierig sein.
Der psychologische und soziale Aspekt sind stark ineinander verzahnt. Gesellschaftliche Überzeugungen wirken auf das einzelne Individuum ein, verformen und beeinflussen es. Frühkindliche zwischenmenschliche Erfahrungen strukturieren die Seele mit. Diese soziale Verformbarkeit des Menschen hat Rückwirkungen auf unsere ärztliche Tätigkeit. Vor 40 Jahren war der Gesellschaft und der Wirtschaft solidarisches Verhalten wichtig, man versuchte auch kranke und behinderte Menschen im System zu halten. Wenn dies nicht möglich war, sollte die IV das finanzielle Auskommen ermöglichen. In jener Zeit sahen wir Psychiater kaum Menschen, die mit rein arbeitsbezogenen Problemen unsere Hilfe suchten. Mit dem seit 1989 immer stärker werdenden Primat der Ökonomie hat eine stärkere Vereinzelung der Menschen stattgefunden. Jeder muss selber schauen, wie er seinen Platz in der härter werdenden Arbeitswelt behaupten kann. Es werden kaum mehr begrenzende Vorgaben eingehalten, die Gefahr der Selbstausbeutung und damit der Burnout-Fälle ist stark gestiegen. Der Arbeitnehmer ist weitgehend schutzlos seinen eigenen und den fremden übergrossen Ansprüchen ausgesetzt. Er muss selber schauen, wie er mit genügenden Ruhezeiten, Abgrenzung von der Arbeit und einem privaten Netz gesund bleibt, ohne die Stelle zu verlieren.
Krankheit ermöglicht – mit psychotherapeutischer Hilfe – eine Neuorientierung in der Gesellschaft zu finden. Folgen der zunehmenden Entsolidarisierung zeigen sich in der Wirtschaft darin, dass ganze Altersgruppen, z.B. junge Erwachsene und über 50-Jährige, ein deutlich höheres Risiko haben, ausgemustert zu werden. Diese primär Gesunden werden durch die lange Arbeitslosigkeit stigmatisiert und sekundär krank. Sie werden unsere Patienten und benötigen unser Sozialsystem. Während die Wirtschaft gut verdient, sehen sich die von der Wirtschaft nicht mehr Getragenen einem Abbau der sozialen Leistungen gegenüber. Wir Ärzte bekommen durch diese Abläufe eine neue Position: Wir stehen den so Leidenden bei, werden zu deren Fürsprechern, was zu unserer Verunglimpfung als Parteiliche geführt hat, deren Stellungnahme deshalb nicht relevant sei. Diese Entwicklung empfinde ich als einer, der mit dem Solidaritätsgedanken aufgewachsen ist, als Skandal.
Gleichzeitig steht die Medizin selbst jedoch auch im Primat der Ökonomie. Sie braucht Studien, Wirkungsnachweise, standardisierte Erhebungen als rationale Instrumente zur Weiterführung der medizinischen Erkenntnisse, aber auch, um in dieser Welt der Zahlen glaubhaft zu sein, mithalten zu können. Diese sind in der biologischen Sphäre am einfachsten zu gewinnen. Im psychologisch-sozialen Feld sind diese schwieriger zu erheben, weil hier der Mensch als Einzelwesen gesehen und erkannt werden will, der seine ureigene Biographie hat, die er verstehen und in der er verstanden sein möchte. Die vertiefte Begegnung mit der Ganzheit eines Menschen macht das Wesen der ärztlichen Tätigkeit aus. Sie ist individuell und nicht wiederholbar. Sie entsteht, wenn die Chemie zwischen Arzt und Patient stimmt. In der Psychotherapie spricht man von Passung. Nur in einer Welt der ärztlichen und therapeutischen Vielfalt kann ein Patient den für ihn stimmigen Arzt finden.

Peter Kern
Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie

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