Wir haben uns in der Redaktionskommission der Synapse an das Thema «Kontroversen im medizinischen Alltag» gewagt, wohlwissend, dass eine offene Diskussion dieses Themas verunsicherte Patienten vielleicht noch weiter verunsichert. Wohlwissend aber auch, dass fachlich nur weiterkommt, wer seine Thesen kritischen Fragen und Einwänden aussetzt, damit diese verifiziert oder falsifiziert werden können.

Gerade vor diesem Hintergrund hat die Redaktionskommission gewünscht, dass der Leitartikel zu diesem im Prinzip ureigenen, innerärztlichen Thema von aussen – aus Patientensicht – betrachtet und geschrieben wird. Sie hat mich deshalb – als Redaktor, aber auch mit der Erfahrung eines gelegentlichen Patienten – mit dem Leitartikel beauftragt. Die konkrete Frage dazu lautet: Wie wirken Kontroversen im medizinischen Alltag auf Laien, insbesondere auf Patienten? Da es dazu meines Wissens keine repräsentative Befragungen oder Studien gibt, kann es eigentlich nur individuelle Antworten geben. Aus meiner persönlicher Sicht lautet die Antwort: Mir ist eine Medizin lieber, die ihre Kontroversen und unterschiedlichen Meinungen offen austrägt als eine, die das zu verstecken versucht und mir eine Sicherheit vorgaukelt, die es nicht gibt. Natürlich wünscht man sich als Patient einen Arzt (oder eine Ärztin), der sich in seiner Diagnose und Therapie sicher ist und der einem sagt, was zu tun und zu lassen ist. Und natürlich gibt es auch in der Medizin Bereiche, wo das möglich ist, wo Therapien unbestritten sind. In jenen Fällen aber, wo das nicht möglich ist, muss ich als Patient selbst Verantwortung übernehmen und entscheiden. Ich kann und will das nicht dem Arzt delegieren. Allerdings erwarte ich vom Arzt, dass er mich nach bestem Wissen und Gewissen aufklärt über alle möglichen Folgen meines Entscheides. Und ich erwarte auch einen Rat. Allerdings verstehe ich auch die Unsicherheit vieler Patienten, die sich in dieser Situation nicht wohl fühlen. Es ist nun mal nicht angenehm, einen Entscheid selbst fällen und aushalten – zu müssen, der eventuell falsch sein könnte.

Was gilt?

Nun scheint es immer mal wieder vorzukommen, dass sich die Ärzte selbst widersprechen. (Das ist dann oft ein Medienthema und verstärkt bei mir zuweilen den Verdacht, dass das ein Medienhype ist, mit dem sich Leserquoten steigern lassen.) Zum Beispiel beim Thema Screening: Ist zum Beispiel ein landesweites, flächendeckendes Mammografie- oder Prostata-Screening sinnvoll und hilfreich, indem man eine Erkrankung früh- und damit rechtzeitig erkennt? Oder verzichtet man besser darauf, weil Direktbetroffene mehr verunsichert werden? Oder weil der Aufwand in keinem Verhältnis zum Ertrag steht? Lesen Sie dazu die Kontroverse in dieser Synapse! Aber: Sind Kontroversen überhaupt noch zeitgemäss? Es gibt doch die evidenzbasierte Medizin, die letztlich alle kontroversen Streitfragen auf der Ebene eines hohen Evidenzgrades klären und schlichten kann. Offenbar nicht! In einer neueren Fachpublikation über «Kontroversen in der Neurointensivmedizin» heisst es zum Beispiel: «… Dennoch hat der Arzt am Krankenbett das Recht und die Pflicht, neben den Rezepten der Leit- und Richtlinien auch seiner Kenntnis des individuellen Patienten und den daraus rational ableitbaren Handlungsmotiven zu folgen.» Lesen Sie dazu auch den Beitrag des Hausarztes Dr. med. Edy Riesen in dieser Synapse-Ausgabe. Das Projekt «Smarter Medicine» der SGIM, das wir ebenfalls in dieser Synapse vorstellen, berührt zwar nicht direkt das Thema «Kontroversen», sondern eher das Thema «Irrtum»: Schweizer Ärzte haben gemäss Smarter Medicine regelmässig Behandlungen verschrieben oder Untersuchungen angeordnet, die für den Patienten keinen messbaren Nutzen hatten oder gar ein Risiko bargen. Auch wenn das einige Patienten, die genau solche Behandlungen durchmachen mussten, vielleicht irritiert, finde ich es ein starkes und mutiges Signal einer Ärztegesellschaft, wenn sie im Prinzip sagt: Wir haben uns geirrt! Smarter Medicine ist das schweizerische Pendant zur Initiative «Choosing Wisely», die 2012 in den USA ins Leben gerufen wurde. Im selben Jahr forderte die Schweizerische Akademie für Medizinische Wissenschaften (SAMW) in einem Positionspapier, dass sämtliche medizinischen Fachgesellschaften ebenfalls Listen von Interventionen erstellen sollten, von denen abgeraten wird.

Vertrauen als Basis

Kontroversen in der Medizin betreffen (neben einer innermedizinischen Fachdiskussion) vor allem das Arzt-Patienten-Verhältnis. Dabei haben beide das gleiche Interesse: Sowohl Arzt wie Patient suchen nach Wegen, die entweder zu Heilung oder Genesung oder zumindest zu Minderung von Schmerzen oder einer akzeptablen Lebensqualität führen. Dazu können beide ihren Beitrag leisten: Der Patient kann «seinem» Arzt oder «seiner» Ärztin Vertrauen entgegenbringen. Das ist für mich ein proaktiver Vorgang und mehr als ein positives Gefühl. Der Arzt seinerseits kann meiner Meinung nach solches Vertrauen stärken, indem er offen kommuniziert, notfalls seine Zweifel darlegt und allenfalls erklärt, dass er sich bei der Therapie nicht sicher ist. Das wäre für mich kein Grund, den Arzt zu wechseln, ganz im Gegenteil! Denn Zweifel und Kontroversen gehören zum Leben. Alles andere – insbesondere die Forderung nach absoluter Sicherheit – ist eine Illusion.

Bernhard Stricker, Redaktor Synapse

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