Wir entwickeln uns demografisch in Richtung einer Altersgesellschaft. Was heisst das für die medizinische Grundversorgung? Reichen die heutigen Angebote? Werden sich die Gesundheitsberufe verändern bzw. anpassen müssen? Nachfolgend einleitende Gedanken zu einem ständig wichtiger werdenden Bereich des Gesundheitswesens – der Altersmedizin.

Die Zeiten ändern sich und wir uns mit ihnen. 1990 gingen wir noch von einer 3-Generationen-Gesellschaft aus. 20 Jahre später beginnt sich eine 4-Generationen-Gesellschaft abzuzeichnen. Es wird eine sehr aktive Generation von 65–79-Jährigen beschrieben und das eigentliche Alter im traditionellen Sinne beginnt mit 80 Jahren. Der prozentuale Anteil der über 80-Jährigen an der Gesamtbevölkerung soll sich bis 2040 im Kanton Baselland gemäss Schätzungen auf über 10% verdoppeln.

Vorbildliche Basler Kantone
Vorerst können wir uns glücklich schätzen, dass unsere Kantone Baselland und Basel-Stadt zu den aktiven in der Alterspolitik gezählt werden. Dieses Lob wurde nur noch den Kantonen St. Gallen und Graubünden ausgesprochen, anlässlich der «1. Arbeitstagung Alter, am 16. Oktober 2013» in Liestal. Der Titel dieses Artikels stammt aus dem Altersleitbild Baselland. Ziel ist es (bezogen auf das Programm «55+» aus Basel-Stadt), ein möglichst lange selbstbestimmtes Leben bei guter Gesundheit zu ermöglichen. Zentrale Werte sind hier wiederum die Freiheit und Würde des Einzelnen. National dreht sich die Politik seit langem um die Vorsorge und somit um die Finanzen. Nationale Strategien zu «Demenz» und «Palliative Care» bestehen seit kurzem. Korrekterweise wird von der Heterogenität der älteren Bevölkerungsgruppe gesprochen, «Mehrgenerationen»-Projekte bezüglich Wohnen und Versorgung sind in Planung. Speziell soll der Vereinsamung und Suchterkrankungen entgegengewirkt werden. Aus Sicht der Regierung des Kantons Baselland sind im Rahmen einer umfassenden Alterspolitik die Bereiche Gesundheit, Mobilität, Wohnen, Arbeit, Sicherheit und Finanzen zu bearbeiten. «Gute Gesundheit» ist ein zentraler Bestandteil. Zu einem wesentlichen Teil tragen dazu alle mit ihrem Lebensstil und Verhalten selber bei. Die «grossen Vier», die sich dann ab 50 vermehrt bemerkbar machen, sind Rauchen, Alkohol, Bewegungsmangel und hyperkalorische Ernährung. Unveränderbar sind genetische Veranlagungen und auf gesellschaftspolitischer Ebene müssten Umwelt- und soziale Einflussfaktoren angegangen werden. Nur ein Teil hängt letztlich von der Gesundheitsversorgung ab. Wie viel Arbeit diese zu leisten hat, hängt wiederum von den Auswirkungen der vorher genannten Einflussfaktoren ab. Bezüglich Verhalten gibt es das Projekt «Via – Best Practice Gesundheitsförderung und Prävention im Alter». Ein Bericht aus dem Jahre 2012 ist für Interessierte im Internet öffentlich einsehbar (www.interface politikstudien.ch/media/2013/07/Be_Alterspolitik_Kantone.pdf). Gesellschaftlich ist eine Vielzahl von Akteuren auf staatlichen (Bund, Kantone, Gemeinden) und nichtstaatlichen Ebenen (Organisationen, Verbände, Parteien) festzustellen. Über das Wohnen im Alter wurden 2011 und im April 2014 (Zwischenbericht über Massnahmen) im Kanton Baselland umfassende Berichte publiziert, allerdings ist die Teilnahme der Gemeinden nicht flächendeckend. Es besteht gegenseitiger Informations- und Koordinationsbedarf, wozu wir mit dieser PublikumsSynapse auch etwas beitragen wollen.

Administration und Papierflut beeinträchtigen Gesundheitsberufe
Somit alles in Ordnung? Können wir entspannt zurücklehnen? Ich möchte im Folgenden auf den Bereich «Gesundheitsversorgung» fokussieren. Ambulante Versorgung soll vor stationärer Versorgung stehen. Im Sinne eines Erhalts der Selbständigkeit soll aus staatlicher Sicht nach dem Motto «So viel Hilfe wie notwendig, aber so wenig wie möglich» ausgegangen werden. Integrierte Versorgung ist ein neues Schlagwort. Private sollen es richten, gehen aber zunehmend in einer Regulierungs- und Papierflut unter. Mit dem hehren Ziel der Qualitätsförderung werden alle Gesundheitsberufe auf allen Stufen durch Anfragen von mangelhafter Qualität eingedeckt. Es werden Fragen nach der Heilung unheilbarer Krankheiten und nach Millilitern Urin pro vier Stunden bei Inkontinenz gestellt. Die Krankenkassen beschäftigen zur Bearbeitung der Formulare «Inkontinenzspezialistinnen». Über 80-Jährige sollten der Stationsleitung bei Eintritt ins Pflegeheim einen 80 Punkte umfassenden Fragebogen beantworten. Tupfer werden gezählt und minutiös in die Leistungserfassung eingegeben, ebenso jede kurze Zuwendung in einem Gespräch oder andere Handreichungen. Der Arzttarif ist atomisiert. Angehörige der Gesundheitsberufe verbringen zunehmend mehr Zeit vor dem Bildschirm als von Angesicht zu Angesicht mit der Bewohnerin oder dem Patienten. Da es sich dabei nicht um die ursprüngliche Berufsmotivation von z.B. Pflegenden handelt, erhöht sich die Aussteigerinnenrate respektive verkürzt sich die Verweildauer im Beruf. Kenntnisse pflegerischer oder medizinischer Art sind nicht in allen leitenden strategischen und ausführenden Gremien vorhanden. Dieses Problem zieht sich im Übrigen bis auf die Bundesebene – ins Bundesamt für Gesundheit – durch. Andere Interessen und allenfalls ökonomische oder juristische Kenntnisse sind vorhanden. Menschen sind keine Industriegüter. Betriebswirtschaftliche Konzepte können nicht unbedarft übernommen werden. Nicht alles, was zählbar ist, zählt und nicht alles, was zählt, ist zählbar. 

Fazit: Gemeinsame Planung der Zukunft
Pflegende, Physiotherapeutinnen, Apothekerinnen und Ärztinnen – die Zukunft ist weiblich (abnehmende Anzahl Männer in Gesundheitsberufen) – sollten ein Umfeld haben, in welchen sie ihrer Kerntätigkeit sinnstiftend nachgehen können. Die Vereinbarkeit mit familiären Verpflichtungen wird an Bedeutung gewinnen. Die Gesundheitsberufe sollten an der Entwicklung partizipieren und hierarchisch adäquat vertreten sein. Dies ist durchaus auch an die Ausübenden der Gesundheitsberufe selbst gerichtet: Ressourcen sind freizustellen. Nur so kann die Freiheit und Würde der Gesundheitsberufe gewahrt werden, was sich selbstredend auf die Qualität der Betreuung und somit die Würde und Freiheit der zu Betreuenden auswirkt. In diesem Sinne ist die Zukunft gemeinsam zu gestalten. Politisch wurde (mit der Volksabstimmung über die medizinische Grundversorgung) am 18. Mai 2014 eine gewisse Grundlage auf Verfassungsstufe gelegt. Folgen keine Handlungen in dieser Richtung, sind alle die schönen Berichte und Konzepte wie ein gestrandetes Schiff in der Wüste: Der demografisch bedingte, zunehmende Bedarf an Gesundheitsfachpersonen und die real vorhandene Zahl an qualitativ gut ausgebildeten Gesundheitsfachpersonen werden zunehmend auseinanderklaffen. Eine Versorgungssicherheit wird dann nur noch für Personen bestehen, die sie sich leisten können. Caritative Organisationen werden vor Bergen von Arbeit stehen.Die Administration scheint in einigen Strukturen des Gesundheitswesens (Alters- und Pflegeheime, Spitäler, Ketten von Apotheken und Arztpraxen, …) keine «Administration» mehr im ursprünglichen lateinischen Wortsinn, sondern vielmehr eine selbstbezogene «Domination» zu sein. Daraus resultierende Spannungen gelangen dann sensationsjournalistisch aufgebauscht gehaltsarm an die Öffentlichkeit. Ein Lernprozess scheint diesbezüglich aber begonnen zu haben. Zum Beispiel geben die aktuellen personellen Besetzungen am Kantonsspital Basel-Land Anlass zu Hoffnung.

 

Dr. med. Carlos Quinto MPH Basel/Pfeffingen

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Lesermeinungen

 
  • Publikumsausgabe 3/2014

    In einer Arztpraxis in Arlesheim habe ich zum ersten Mal Ihre «Synapse» entdeckt und gelesen. Ich muss gleich vorausschicken, dass ich über 40 Jahre im Medienbereich tätig war. Ihre «Synapse» hat mich nun doch sehr überrascht: Die Themenwahl und besonders ihre redaktionelle Bearbeitung sowie das Layout wirken derart antiquiert und unprofessionell, dass ich meinen Augen nicht traute. Dabei bin ich der Meinung, dass gerade im Gesundheitsbereich eine fachlich gut gemachte Zeitschrift ihre Berechtigung hätte. Und wenn sie dann noch von der Ärztegesellschaft herausgegeben wird, müsste sie wesentlicher attraktiver und thematisch spannender sein! Vorbilder gibt es mehr als genug und an den Finanzen sollte es m.M. auch nicht fehlen (viele Inserate). Geben Sie sich einen Schupf und machen sie etwas besseres - die Patienten werden es Ihnen danken.

  • Synapse Publikumsausgabe

    Gemeinschaftspraxis Friedli + Richert
    Cornelia Friedli MPA

    Die Publikumsauflagen bleiben im Wartezimmer liegen.
    Das Design wirkt nicht spannend. Die Artikel sind sehr lang und anspruchsvoll. Sie schreiben ja eben nicht für Fachpersonen sondern fürs Publikum. Schauen Sie sich doch mal eine 20 Minuten Zeitung an.
    Mehr wollen die meisten Menschen heute nicht lesen.
    Mit freundlichen Grüssen
    Cornelia Friedli

  • MB

    DI