«Zeichnen war und ist für mich die Suche nach dem, was Leben bedeutet.»

Anna Regula Hartmann alias ANNA zeichnet, seit sie sich erinnern kann. Zeichnen ist ihre grosse Leidenschaft, es ist für sie mehr als Arbeit, Beruf oder Kunst. Zeichnen ist für sie etwas, das wie atmen oder essen elementar zum Leben gehört. Schon als kleines Mädchen hatte sie das Bedürfnis, alles zu zeichnen, was sie sah, vor allem Menschen, und sie hatte von Anfang an keinerlei Schwierigkeiten mit naturgetreuem Abzeichnen.
Gleichwohl machte sie (vorerst) ihr grosses Talent nicht zum Beruf. Sie studierte Medizin, arbeitete aber danach nie als Ärztin. Das Zeichnen begleitete sie während ihres ganzen Studiums. So sass sie zum Beispiel während den Nachtwachen oft am Bett von Sterbenden und hielt den Augenblick – als Ausdruck grosser Wertschätzung – in einer Zeichnung fest, in der vergeblichen Hoffnung, irgendetwas vom Sterben zu begreifen.


Visualisierungen
«Ich war eine schlechte Studentin, ich fiel schon beim ersten Prope durch», fasst sie ihre Studienzeit zusammen, «weil für mich nicht die Medizin, sondern das Zeichnen Priorität hatte.» Nach dem Staatsexamen trat sie bei Hoffmann-La Roche eine Stelle als Grafikerin an, wo ihre Aufgabe vor allem darin bestand, Krankheiten visuell darzustellen.
Anfang der 1970er Jahre wagte sie den Schritt in die Selbstständigkeit. Sie tat das mit der für sie typischen Eigeninitiative und Kontaktfreudigkeit: «Ich rief zum Beispiel den Direktor des Bundesamts für Gesundheit an und schlug ihm vor, einen Film über Verhütung zu machen. Es war die Zeit, als sich das HI-Virus dramatisch zu verbreiten begann. Der Vorschlag stiess auf ein positives Echo und wurde realisiert unter den Titeln «Wie man keine Kinder macht!» und «Pubertät ist, wenn die Eltern schwierig werden».
Später kamen weitere «Visualisierungs-Aufträge» dazu, unter anderem für das Schweizer Fernsehen für die medizinischen Fernsehsendungen mit Mäni Weber. Es folgten Aufträge für Videos und sie begann, Drehbücher zu schreiben.
Inzwischen hat sie zehn eigene Cartoonbände produziert, weitere sind in Planung.


Grenzerfahrungen
Zeichnen hat für ANNA auch eine spirituelle Dimension, nicht aber eine religiöse oder kirchliche, wie sie explizit festhält und präzisiert: «Das Suchen nach der einen gültigen Linie hat etwas mit Grenzerfahrung zu tun, z. B. mit den Grenzen zwischen Leben und Tod, denn an diesen Bruchstellen spielt sich vermutlich  Wesentliches im Leben ab.»
Das setzt(e) ein intensives Interesse an Menschen voraus, an deren Geschichten und Schicksalen, aber ebenso die Fähigkeit, genau hinzuschauen und zu beobachten, die Realität exakt wahrzunehmen,
ohne Wertung. Daraus leitet sie ihr Credo ab: «Die Menschen in meinen Zeichnungen erscheinen nie geschönt oder verzerrt, sondern so, wie ich sie wahrnehme: liebenswert und authentisch.» Trotzdem weiss sie, dass jedes Bemühen um grösstmögliche Objektivität immer auch subjektive Elemente  enthält. Mit anderen Worten: Sie zeichnet, was ist!
Ausdruck davon ist zum  Beispiel das beeindruckende Buch «Böse Blumen – Gesichter erzählen  Geschichten». Darin hat ANNA drogenabhängige Patienten gezeichnet, aber ebenso deren Betreuer und Ärzte, die sie nahtlos und ohne Kommentar dazugefügt hat, ohne dass sie als Ärzte oder Pflegende erkennbar wären.


Grossmutter
Die 1941 in Bern geborene ANNA ist zwar schon längst im Pensionsalter, denkt aber noch nicht ans Aufhören, aber ans Reduzieren. So will sie u. a. ihre  regelmässigen Karikaturen in der Schweizer Ärztezeitung aufgeben, damit sie etwas mehr Zeit für ihre Enkel hat.
ANNA ist vierfache Mutter und siebenfache Grossmutter. Sie erzählt das mit grosser Freude und Stolz: «Es ist ein grosses Geschenk, Grossmutter zu sein», sagt sie, die in dieser neuen Funktion OMANNA heisst.
Aktuell arbeitet sie an einem Projekt mit dem Titel «Auch OMA trägt Windeln». Es geht um ein Plädoyer für Humor, Sympathie und Offenheit bei Inkontinenz von Kindern und alten Menschen. Dazu fehlen ihr aber noch Sponsoren.
ANNA ist politisch nicht aktiv (in einer Partei), zeichnet und kommuniziert aber durchaus auch politische Botschaften. Ihre politische Seite verdankt sie vor  allem ihrem Vater Walter Allgöwer, der in den 1980er Jahren als Vertreter des  «Landesrings der Unabhängigen» im Nationalrat sass.


Fazit
«Und», frage ich am Schluss eines sehr inspirierenden
und lebhaften Gespräches, «haben Sie im Leben gefunden, wonach Sie mit dem Zeichnen gesucht haben?»

ANNA: «Nein, nicht wirklich», sagt sie,  «aber das Zeichnen hat mich auf der Suche nach dem Wesen und dem Kern des Lebens ruhiger gemacht. Ich weiss  inzwischen, auch ich werde das Geheimnis dieses Lebens nie lüften können.  Gleichwohl halte ich es für möglich, dass es ein Geheimnis gibt, dass es etwas gibt, das grösser ist als das, was wir mit unseren fünf Sinnen wahrnehmen  können.»

Bernhard Stricker, lic. phil.
Redaktor Synapse

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Lesermeinungen

 
  • Synapse 6

    Ein Super-Nummer der Synapse, dieses Heft 6. Herzliche Gratulation