Die FMH-Ärztekammer entscheidet Anfang Dezember 2012, ob Patientinnen und Pa tienten, die in Arztpraxen missbraucht worden sind, im Standesverfahren mehr Rechte erhalten sollen.

Foto Dr. med. Christine Romann
Dr. med. Christine Romann

Mit einem Artikel in der Schweizerischen Ärztezeitung begann im Frühling 2010 die derzeit aktuelle Auseinandersetzung mit dem Thema sexuelle Übergriffe durch Ärzte und – wenn auch deutlich seltener – durch Ärztinnen. Die zwei Basler Psychiaterinnen Silvia Cueni und Maya Schuppli monierten, dass die Ärzteschaft sich nicht genügend für den Schutz der Patientinnen und Patienten einsetze, die Standesverfahren intransparent seien und dass nicht energisch genug gegen wiederholt angezeigte Kollegen vorgegangen werde – auch nicht von Seiten der Aufsichtsbehörden. Sie haben leider gute Argumente: In ihrer langjährigen Mitarbeit bei der Basler Berufsordnungskommission waren sie immer wieder mit gänzlich unbefriedigenden Standesverfahren oder Verfahren der Aufsichtsbehörden konfrontiert.

Sexuelle Übergriffe in ärztlichen Behandlungen sind keine vernachlässigbare Randerscheinung. Die Daten – soweit vorhanden – lassen auf eine grosse Dunkelziffer schliessen, lange nicht alle Übergriffe werden angezeigt. Zum einen haben die Betroffenen mit schwierigen Gefühlen zu kämpfen, zum anderen sind vielerorts weder die Standesverfahren noch die Verfahren bei der Aufsichtsbehörde so gestaltet, dass Patientinnen sich unterstützt fühlen. Bei wem können sie überhaupt eine Anzeige erstatten? Wie viele Hindernisse müssen dabei überwunden werden? Wie lange dauert es, bis eine Patientin nach der Anzeige eine Reaktion erhält?

Das kann nicht so bleiben! Der Ärztekammer vom 6. Dezember 2012 schlagen wir vor, den Patientinnen im Standesverfahren mehr Rechte einzuräumen. Sie sollen wählen können, ob sie wie bisher einfach eine Anzeige erstatten oder ob sie im Verfahren als Partei auftreten wollen. Der Luzerner Anwaltsverband zum Beispiel kennt eine solche Regelung bereits: Wer gegen einen Anwalt oder eine Anwältin vorgehen will, kann entweder eine Beschwerde einreichen – und ist dann Partei und nimmt am Verfahren teil, oder einfach eine Anzeige machen – und wird dann einfach über den Abschluss des Verfahrens informiert (nicht aber über den Inhalt des Verfahrens). Diese Wahl möchten wir den Patientinnen ebenfalls ermöglichen. Es dauert ja oft lange, bis Patientinnen den Missbrauch zur Sprache bringen können, sei es im Rahmen einer Psychotherapie, sei es beim Hausarzt oder auf einer entsprechenden Beratungs stelle. Scham, Wut und Trauer müssen ausgehalten werden, es braucht Mut, den betreffenden Arzt anzuzeigen. Wenn die Patientinnen dann am Ende dieses langen und kräfteraubenden Weges mit einer knappen Mitteilung über den Verfahrensausgang bedacht werden, steht das in keinem Verhältnis zu ihrem beträchtlichen emotionalen, zeitlichen und manchmal auch finanziellen Aufwand. Zudem haben sie keine Möglichkeit, sich noch einmal einzubringen, während der angezeigte Arzt auf die Vorwürfe eingehen und seine Sicht der Dinge ausführlich darlegen kann, – zu Recht fühlen sie sich zu wenig ernst genommen.

Auch die Aufsichtsbehörden müssen konsequenter vorgehen. Wir brauchen eine starke Aufsichtsbehörde, die ihre Pflicht in allen Kantonen nach einheitlichen Kriterien erfüllt. Wiederholte sexuelle Grenzverletzungen sind nicht vereinbar mit einer ärztlichen Tätigkeit. Das soll auch jedem Facharzt, jeder Fachärztin am Ende der Weiterbildung bewusst sein! Zusammen mit dem Schweizerischen Institut für ärztliche Weiterund Fortbildung (SIWF) und den Fachgesellschaften wollen wir Wege suchen, jeden angehenden Arzt, jede angehende Ärztin zu befähigen, den Artikel 4 unserer Standesordnung, den ich hier gerne zitiere, einzuhalten: «Arzt und Ärztin dürfen ein sich aus der ärztlichen Tätigkeit ergebendes Abhängigkeitsverhältnis nicht missbrauchen, insbesondere darf das Verhältnis weder emotionell oder sexuell noch materiell ausgenützt werden.» Es liegt stets am Arzt, die Verantwortung zu übernehmen für die Einhaltung der Grenzen. Das ist nicht immer so einfach, wie es auf dem Papier aussieht! Was, wenn man in einer Krise ist und eine Patientin verständnisvoll tröstend wird? Und die Aussicht, diesen Trost im Bett enden zu lassen, sehr verlockend wird? Was, wenn die Idealisierung durch eine Patientin das beschädigte Selbstwertgefühl scheinbar zu stabilisieren vermag und die Versuchung gross wird, das auch sexuell auszunützen?

Solche Themen sind nicht nur für die angehenden Ärztinnen und Ärzte aktuell, sondern auch in einem langen Berufsleben als praktizierender Arzt. Deshalb möchten wir dazu anregen, auch in der Fortbildung geeignete Gefässe für eine fruchtbare Auseinandersetzung mit dem Thema zu schaffen.
Die Ärztekammer wird im kommenden Dezember die Weichen stellen müssen für einen besseren Schutz unserer Patientinnen und Patienten – und letztlich auch für den Schutz der Kollegen und Kolleginnen. Sexuelle Grenzverletzungen richten einerseits bei den betroffenen Patientinnen und Patienten sehr viel Schaden an, sie gefährden andererseits aber auch die berufliche und die persönliche Existenz der Ärztinnen und Ärzte.

Dr. med. Christine Romann

Bewerten Sie den Artikel

Übermittlung Ihrer Stimme...
Noch nicht bewertet. Seien Sie der Erste, der diesen Artikel bewertet!
Klicken Sie auf den Bewertungsbalken, um diesen Artikel zu bewerten.

Lesermeinungen

 
    Noch keine Beiträge vorhanden.