Seit Jahren sind die Gesundheitskosten Stein des Anstosses in der gesellschaftlich-politischen Diskussion. Dabei wird aus ärztlicher Sicht die Situation arg verkürzt dargestellt. Das landesüblich unkritisch verbreitete Mantra heisst: «Die Gesundheitskosten sind zu hoch, weil die Ärzte zu teuer sind. Sie gehören deshalb kontrolliert, diszipliniert, redimensioniert und abgestraft.» Dies ist in den letzten 10 Jahren derart gründlich geschehen, dass wir heute mit einem besorgniserregenden Nachwuchsmangel konfrontiert sind, vor allem in der Grundversorgung.

Die ärztliche Sichtweise ist primär dem einzelnen Patienten verpflichtet. Sie hat den Nutzen und die Hilfe für ihn im Auge. Nehmen wir ein Beispiel: Der Meniskusschaden des Knies: Eine Meniskusoperation war vor 35 Jahren ein bedeutender Eingriff, der 3 Wochen Spitalaufenthalt und eine längere Rehabilitation erforderte, wobei das erreichte Resultat wegen der langen Immobilisationszeit öfter nicht wirklich befriedigte. Eine solche Situation beschäftigt den ärztlichen Geist: Wie kann ich das Leiden verkürzen und das Resultat verbessern? Mit dem technischen Fortschritt der Glasfiberoptik entstand die Endoskopie, die heute ambulante Meniskuseingriffe ermöglicht, bei der der Patient in der Zeit wieder voll hergestellt ist, in der früher eben erst die Mobilisation begann. Dass dies eine erhebliche Einsparung an Gesundheitskosten brachte, liegt auf der Hand. Genau betrachtet kam der ökonomische Nutzen jedoch nicht nur dem Gesundheitswesen zugute, sondern auch der Versicherungsbranche und der Gesamtwirtschaft, indem die Dauer der Taggeldleistungen deutlich verkürzt wurde und der Patient seine Wirtschaftsleistung schneller wieder erbrachte. Ärztlich gesehen lag der Nutzen aber zuallererst darin, dass der Patient durch das schonendere Verfahren weniger litt und schneller gesund wurde.

Verengte Sichtweise

Die politische Diskussion unterliegt meines Erachtens dem Fehler, die Frage der Gesundheitskosten verengt betriebswirtschaftlich zu sehen, – und dies erst noch unter fehlender Berücksichtigung des Nutzens. Will man den Nutzen jedoch mit einbeziehen, muss man volkswirtschaftlich denken, weil sich der Nutzen weder im Spital noch in der Arztpraxis auswirkt, sondern in der Gesellschaft. Dazu ein weiteres reales Beispiel aus meinem Fachgebiet, der Psychiatrie und Psychotherapie: Die psychoanalytische Psychotherapie ist eine vergleichsweise teure Therapie, weil sie mit hohem Zeitbedarf arbeiten muss. Sie kann nur erfolgreich sein, wenn sie das emotionale Erleben des Patienten ernst nimmt, ihn dort abholt, wo er ist (fühlt). Begegne ich als Therapeut dem Patienten mit dem primären Ziel, dass er sich an die gesellschaftlichen Erwartungen anpassen soll, werde ich z.B. einem Patienten, der in einer Verweigerung steckt, nicht weiterhelfen können. Akzeptiere ich die Verweigerung und versuche, mit dem Patienten zusammen die Gründe dafür zu verstehen, kann ein emotionaler Prozess der Weiterentwicklung in Gang kommen. Wir bewegen uns da im Schnittstellenbereich zur IV. Ermöglicht eine Psychotherapie, eine IV-Berentung zu verhindern oder aufzulösen, bedeutet dies für das Gesundheitswesen primär einige Kosten. Nehmen wir an, eine solche Therapie habe 60 000 Franken gekostet. Betriebswirtschaftlich gesehen muss die Ökonomie danach trachten, diese Kosten zu minimieren. Volkswirtschaftlich betrachtet steht diesen Kosten aber ein erheblicher Nutzen gegenüber: Der IV werden bei einem solchen z.B. 40-jährigen Patienten 25 Jahre Rentengelder erspart, also das Zehnfache der Therapiekosten. Das Staatswesen profitiert jedoch auch: Statt Ergänzungsleistungen leisten zu müssen, erhält es Steuern des ehemaligen IV-Rentners. Ist eine Pensionskasse involviert, profitiert auch diese.

Systembedingte Kosten

Wir Ärztinnen und Ärzte sind es gewohnt, Einzelfallarbeit in ihren gesellschaftlichen Auswirkungen zu sehen. Diese sind aber nirgends quantifiziert, weil in diesem Themenbereich kaum Forschung betrieben wird. Hingegen wird sehr genau hingeschaut, wie viele Patientinnen und Patienten psychisch bedingt IV-berentet sind, was als Ärgernis betrachtet wird, das es zu eliminieren gilt. Dabei haben wir es auch hier mit dem Phänomen zu tun, dass gesellschaftlich-wirtschaftliche Gegebenheiten das Gesamtsystem belasten und verteuern. Der betriebswirtschaftlich motivierte Umgang mit den Arbeitnehmern führt zu erhöhtem Arbeitsdruck unter Ausblendung von deren Bedürfnissen und Befindlichkeiten. Leistungsschwächere Menschen fliegen aus diesem System hinaus und landen bei der Sozialhilfe oder der IV. Aber auch ausgesprochen leistungsstarke Menschen können dadurch krank werden. «Burnout» heisst die Geissel dieser systembedingten Folgeerscheinung für viele Arbeitnehmer. Sie ist ebenfalls mit hohen Kosten für die Krankenkasse und die Taggeldversicherungen verbunden. Das kümmert die an einer hohen Performance orientierten Unternehmen offenbar nicht wirklich. Dies sind Gegebenheiten, die zu Zeiten der sozialen Marktwirtschaft Randerscheinungen waren.

Hilfe bieten - auch ohne ökonomischen Nutzen

Die ökonomische Sichtweise geht von der Machbarkeit der gesetzten Ziele aus. Wir Ärztinnen und Ärzte erleben jedoch täglich, dass dieser Machbarkeit von der Natur her Grenzen gesetzt sind. Es gehört essentiell zur Arbeit des Arztes, Menschen in der Ohnmacht einer unheilbaren oder chronischen Krankheit beizustehen und sie und ihre Nächsten darin zu begleiten, auch wenn er keine Heilung zu bieten hat. Ein ökonomischer Nutzen ist hier schwer zu sehen, und doch macht diese emotional-menschlich- ärztliche Begleitung einen Schwerpunkt ärztlicher Arbeit und menschlichen Bedarfs aus, der kostet. Die Kostendiskussion wird verständlicherweise auch deshalb so leidenschaftlich geführt, weil die Schweizerinnen und Schweizer rund 40 Prozent der Gesundheitskosten selber tragen müssen, was die ökonomische Schmerzgrenze vieler überschreitet. Dieser Anteil ist nur in Staaten wie der USA, Mexiko, Chile und Südkorea ähnlich hoch. In den europäischen Staaten liegt der Anteil bei 20 bis 28 Prozent, weil der Staat, also der Steuerzahler, sich an den Gesamtkosten stärker beteiligt. Dieser Akt der Solidarität ist in der Schweiz leider bisher tabu. Er löst regelmässig Wellen der Empörung aus und wird mit der persönlichen Verantwortung begründet.

Dr. med. Peter Kern
Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie

Bewerten Sie den Artikel

Übermittlung Ihrer Stimme...
Noch nicht bewertet. Seien Sie der Erste, der diesen Artikel bewertet!
Klicken Sie auf den Bewertungsbalken, um diesen Artikel zu bewerten.

Lesermeinungen

 
    Noch keine Beiträge vorhanden.