Qualitätsmessungen und -sicherung im handwerklichen Bereich der Medizin sind sinnvoll und unverzichtbar. Sie haben im direkten Kontakt zu den Patientinnen und Patienten aber auch ihre Grenzen: Sie können Werte wie Empathie und Geduld, aber auch Mut zu Klarheit und Verantwortungsbereitschaft nicht ersetzen. Und schon gar nicht messen.

Zur Qualitätsdebatte gehört, sich der Begrifflichkeiten bewusster zu werden, die wir täglich im Munde führen. Und dies nicht erst seit der abgelehnten Managed-Care- Vorlage, die vom Volk angeblich sprachlich nicht verstanden worden sein soll. Die Sprache zeichnet uns Menschen aus. Sie ist einerseits Ausdruck unserer Herkunft sowie unserer Geistes-und Wertehaltung, sie entfaltet andererseits aber auch eine nicht zu unterschätzende Gestaltungskraft nach aussen, der wir uns in der Regel kaum bewusst
sind.
Besondere Sensibilisierung für diese Thematik erwächst uns heute vor allem aus der Genderforschung, wo unter dem Postulat der Gleichrangigkeit der Geschlechter das real herrschende Ungleichgewicht mit entsprechenden Machtverhältnissen gezielt auf der sprachlichen Ebene entlarvt und korrigiert wird. Als Arzt, als Mediziner oder als Leistungserbringer identifiziere ich mich unterschiedlich. Und natürlich ebenso als Ärztin, Medizinerin oder Leistungserbringerin. Medizin als Heilkunde ist nicht dasselbe
wie als Wissenschaft, und Medizin erbringt nicht nur Leistungen, sie wirkt auch
über eine Haltung – über ihr Ethos.

Qualität am Krankenbett

Als naturwissenschaftlich Ausgerichtete forschen wir in einem streng rationalen, künstlich strukturierten Rahmen nach objektiven, wiederholbaren und nachprüfbaren Gesetzmässigkeiten. Als technisch Versierte bedienen wir Apparaturen und Geräte, die nach den Gesetzmässigkeiten der Wissenschaft funktionieren und unsere Handlungsmöglichkeiten ausweiten und verfeinern. Als Ärzte und Ärztinnen begegnen wir in erster Linie Menschen mit einem gesundheitlichen Anliegen. Dabei erweist sich das Spektrum der Nöte als enorm weit – es reicht vom Bedarf nach unmittelbar lebensrettenden Massnahmen über das Bedürfnis nach Linderung des Leidensdrucks bis hin zur Begleitung in der terminalen Lebensphase. Allein der Fächer der Einsatzerfordernisse legt nahe, dass Qualität am Krankenbett mehr umfasst als qualitativ hochstehende technisierte Medizin. Seit alters her geht man denn auch davon aus, dass sich am Krankenbett beide, Wissenschaft und Kunst, treffen. Medizinisch-fachliches Können und ärztlich-menschliche Kompetenz sind
nicht deckungsgleich, sie müssen sich in je unterschiedlichem Ausmass verbinden und einander ergänzen, nicht nur für die gelingende Behandlung, sondern bereits für eine angemessene Diagnose – als Grundlage für das Verständnis der aktuell vorliegenden Störung. Denn diese Störung, das Anliegen des Patienten, zeigt sich nicht nur körperlich, sozusagen körpersprachlich, sondern sie drückt sich ebenso durch den Sprechenden aus, in seiner Redeweise und Wortwahl. Er sagt uns, worum es geht – hören wir es? Vermögen wir es zu hören? Haben wir uns die Fähigkeit bewahrt und nehmen wir uns die Zeit, selber zu «scannen» – oder stecken wir den Problembehafteten kurzerhand in den Scanner?

Qualität der Kommunikation

Die Qualität der Kommunikation hängt von mehreren Faktoren ab: Zuallererst von der inneren Bereitschaft, sich zu öffnen. Und diese Bereitschaft wiederum ist davon abhängig, wie weit wir in unserem Alltag unseren eigenen Bedürfnissen Raum zu geben vermögen. Sie ist zweitens abhängig von sprachlichen Gegebenheiten, die in Zeiten verstärkter Migration und kulturell vermischter Gesellschaften von beiden Seiten in Frage gestellt sein können – von Patienten- wie von Behandlerseite. Wann kommt im TARMED eine Dolmetscher-Position? Drittens ist die Qualität der Arzt-Patient-Beziehung in zunehmendem Mass davon abhängig, wie weit wir gewillt sind, den dafür erforderlichen Zeitaufwand angemessen zu entschädigen – auf Kosten einer unnötig flächendeckenden Technisierung der Medizin. Wir sollten uns hüten, den Nöten unserer Zeit zu sehr mit Algorithmen und automatisierten Abläufen zu Leibe rücken
zu wollen. Ironie der Zeit: Die heutigen Leiden werden immer unfassbarer, während unsere bildgebenden Verfahren immer ausgeklügelter werden. Doch was tun, wenn nichts zu sehen ist? Bei somatoformen Schmerzstörungen, funktioneller Dyspepsie, Fibromyalgie, Chronic Fatigue Syndrome, Multiple Chemistry Sensitivity, Idiopathic Environmental Illness, Burnout, Verbitterungsstörungen ...?

Drohende Dominanz der Nichtmediziner

Forcierte Qualitätsbestrebungen mit Formulierung gültiger Qualitätskriterien in Zeiten des Zerfalls allgemeingültiger und verbindlicher Wertmassstäbe sind verständlich, legitim, hilfreich und sinnvoll. Dieselben Zeiten korrelieren jedoch auch mit dem Gewahrwerden der begrenzten finanziellen Mittel. Der Kampf zwischen Wert und Preis ist voll im Gang! Es droht favorisiert zu werden, was Gewinn abwirft, auf Kosten dessen,
was wesentlich ist für uns. Die Verwaltungen sind daran, in den Spitälern die Vorherrschaft über Pflegepersonal und Ärzteschaft zu erlangen. Ökonomen erobern im Gesundheitswesen zunehmend die Definitionsmacht über das Notwendige. Dabei erscheint das Gesundheitswesen nur als Abbild unserer Gesellschaft. Die Apparatefaszination verkommt zusehends zur Apparategier, jeder hat überall das Smartphone am Ohr, um sich der unmittelbaren Umwelt nicht zuwenden zu müssen! Wie gesund lässt uns das bleiben? Und wenn uns die verkümmernde Beziehungsfähigkeit krank werden lässt – wer soll uns noch helfen? Wir alle werden bald «im selben Spital krank» sein, Helfer und Hilfesuchende – woher soll uns dann noch das Heilsame erwachsen?
Lasst uns, nebst der unverzichtbaren Qualitätsmessung und -sicherung im handwerklichen Bereich, weiterhin unvermindert auf die Qualität des mitmenschlichen
Umgangs achten, das heisst auf Werte wie Präsenz, Empathie und Geduld, aber auch Mut zu Klarheit, Verantwortungsbereitschaft und Individualität, vor allem aber Respekt, das heisst Sinn für Mass und Grenzen – kurz jener Dimension, die mit Messinstrumenten weniger erfassbar, dafür umso mehr mit unseren Sinnen erfahrbar ist, und die unser Gesundsein und unser Wohlbefinden mehr fördert als viele teure Massnahmen, die wir uns eh bald nicht mehr leisten können!

Dr. med. Guido Becker

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Lesermeinungen

 
  • Leitartikel Qualität

    Herzliche Gratualtion. Ich finde diesen Artikel interessant und sehr treffend.