Journalisten und Ärzte haben heute ein ähnliches Problem: Sie sind daran, ihr Informationsmonopol
zu verlieren. «Schuld» daran ist ein epochaler Umbruch in der Medienlandschaft
aufgrund der Digitalisierung der Information und der Kommunikation.
Vor dem Aufkommen des Internets blieb es den Journalisten (bzw. den Medienhäusern
und Nachrichtenagenturen) vorbehalten zu bestimmen, welche Informationen
verbreitet werden und welche nicht. Sie hatten das Informationsmonopol. Heute
ist jeder Computerbesitzer mit Internetzugang ebenso schnell informiert wie die Journalisten.
Ärztinnen und Ärzten ging und geht es nicht viel besser: Das sog. «Internet Print Out
syndrome (IPO)» hat ebenfalls mit der Verbreitung des Internets zu tun und bezeichnet
das Verhalten jener Patienten, die mit einem Stapel (aus dem Internet ausgedruckter)
Blätter beim Arzt erscheinen und ihm erklären, was er zu tun habe und
welche Medikamente er brauche.
Dieser grundlegend neue, freie Zugang zum Produkt «Information» ist eine veritable
mediale Revolution, die alte Strukturen und Hierarchien untergräbt und zum Teil
schon zum Einsturz gebracht hat. Das ist nicht nur schlecht, denn durch das Internet
wurde die Informationsbeschaffung und -verbreitung im gewissen Sinne «demokratisiert
», indem die früheren Informationsmonopole (wie z.B. die Nachrichtenagenturen)
die Hoheit über Informationsauswahl und -verbreitung verloren. Man könnte –
positiv formuliert – auch sagen, der Medienkonsument hat sich dank des Internets
emanzipiert.
Die Rückseite der Medaille bzw. die Folgen dieser «Demokratisierung» sind aber ungleich
gefährlicher (Stichworte «Fake News» oder «postfaktisch»). Vor allem das proaktive,
direkte Einbringen und Einschleusen von Informationen in ein Mediensystem,
das die Wahrheit der Informationen nicht mehr überprüft (bzw. überprüfen kann),
birgt enorme Gefahren. Ein Beispiel: Heute kann jeder – vorab
auf den Kanälen der sozialen Medien – ungestraft behaupten:

«Präsidentschaftskandidat XY ist an Krebs erkrankt und ist deshalb nicht wählbar.»
Selbst wenn der angeschossene Präsidentschaftskandidat XY unmittelbar danach mit
seinen Ärzten vor die Medien tritt und nachweist, dass er kerngesund
ist, bleibt beim
Medienkonsumenten etwas hängen: ein kleiner Rest des Zweifels. Und genau damit
lässt sich heute Politik machen. Das haben heute bereits einige Manipulatoren
erkannt,
die damit Wahlen und folglich auch politische Systeme beeinflussen.

«Medien und Meinungsmacht»
Wie müssen demokratisch verfasste Staaten und liberale Gesellschaften auf diese
Entwicklungen
reagieren, wenn sie ihre Grundwerte verteidigen wollen? Wie kann
sich der einzelne Bürger vor der Informationsflut schützen? Und vor allem: Wie kann
ein Bürger künftig wissen, ob eine Information wahr oder falsch ist?
Fakt ist: Ein Verbot von «Fake News» ist nicht durchsetzbar, eine Androhung von
Strafen
weitgehend nutzlos. Der allgemeine Tenor dazu lautet vielmehr «Investition in
die Bildung»! Wir müssen die Bürger und die Medienkonsumenten befähigen, mit den
Medien und der Informationsflut kompetent und professionell umzugeben. Politisch
heisst das: Wir müssen die Medienkompetenz als Bildungsauftrag des Staates
verstehen
und damit bereits früh – in der Schule – beginnen. Und zwar schnell!
Zu diesem Schluss ist auch eine breit angelegte Studie mit dem Titel «Medien und
Meinungsmacht»1 gekommen, die just zu Beginn des neuen Jahres veröffentlicht
wurde. Herausgeber ist die «Stiftung für Technologiefolge-Abschätzung» (TA-Swiss),
das Kompetenzzentrum für die Einschätzung neuer technischer Entwicklungen. Sie
hat unter Leitung von Professor Manuel Puppis (Universität Fribourg) den Prozess der
Digitalisierung der Medien untersucht, unter anderem die Frage, wie «alte» und
«neue» Medien in der digitalisierten Medienlandschaft zusammenspielen, welche Bedeutung
ihnen in der Vermittlung von Information zukommt und wie die Themenschwerpunkte,
die sie setzen, mit der politischen Agenda und den Anliegen der Bevölkerung
zusammenhängen.
Puppis und sein Team haben u.a. festgestellt, dass Demokratien auch im Zeitalter des
Internets weiterhin auf die journalistischen Leistungen von Medienorganisationen
angewiesen sind, dass aber die finanziellen Voraussetzungen für professionellen Journalismus
angesichts der durch die Digitalisierung ausgelösten Prozesse «nicht mehr
unbedingt gegeben» sind.
Diese Aussage ist vor dem Hintergrund eines dramatischen Einbruchs der Werbeeinnahmen
in der Presse seit der Jahrtausendwende zu verstehen. Verdienten die
Verleger
im Jahr 2000 noch fast 2 Milliarden Franken mit dem Verkauf von Inseraten
(ohne Gratisblätter), waren es 2015 noch knapp 700 Millionen.
Deshalb empfehlen die Autoren der Studie ein «Infrastrukturprogramm für Journalismus
» und halten es für dringlich. Denn «untätiges Zuwarten» würde wohl zu weiteren
Sparmassnahmen führen und den Konzentrationsprozess der Presse weiter beschleunigen.
Ausserdem brauche es einen unabhängigen Service-public-Anbieter
(womit primär die SRG gemeint ist). Zudem müssten journalistische Medien stärker
den Dialog mit den Bürgerinnen und Bürgern suchen, sowohl auf inhaltlicher wie
struktureller Ebene.

Journalisten werden Medienberater
Neben dem oben beschriebenen «Digitalisierungstrend» gibt es in der Medienbranche
eine weitere relevante Entwicklung, die demokratiepolitisch heikel bzw. nicht ganz
unbedenklich ist: Immer mehr Journalisten wechseln die Seite und werden Medienberater
bzw. Pressesprecher. Das hat einerseits mit dem Geschäft um die öffentliche
Aufmerksamkeit und das Agenda-Setting zu tun, anderseits mit der Aufrüstung
von
immer mehr Verbänden, Organisationen, Firmen, ja sogar staatlichen und öffentlichen
Einrichtungen (Ämter) mit sog. «Pressestellen».
In den Vorzimmern der Verleger und Chefredaktoren herrscht nach wie vor ein grosses
Gedränge: Alle wollen in die Medien, alle wollen gehört werden, bzw. alle wollen sich
Gehör verschaffen. Denn wer öffentlich bekannt ist und gehört wird, der geniesst in
einer hochgezüchteten und aufgeheizten Informationsgesellschaft ein hohes Prestige.
Und wer ein hohes Prestige hat, dem fällt vieles leichter. Zum Beispiel das Geldverdienen.
Oder die Durchsetzung politischer
Interessen. Fast jeder Berufsverband, der die Interessen seiner Mitglieder auch auf politischer Ebene vertreten will, kommt heute nicht mehr um eine eigene Pressestelle herum (was das für den Berufsverband der Ärzteschaft – die FMH – konkret bedeutet, beschreibt FMH-Kommunikationschefin Jacqueline Wettstein in ihrem Artikel auf Seite 9 in dieser Synapse).
Das ist legitim und gehört zum Milizprinzip unseres politischen Systems. Demokratiepolitisch wird es aber dann bedenklich, wenn ein Ungleichgewicht zwischen «interessengebundenen» Pressesprechern und Journalisten im klassischen Sinne entsteht. Schon heute neigt sich die Waage zuungunsten der klassischen medialen Berichterstattung. Es gibt immer mehr Pressesprecher und immer weniger Journalisten. Das heisst zum Beispiel für den Alltag eines Inlandredaktors einer Tageszeitung: Er hat immer weniger Zeit für die Überprüfung von immer mehr Informationen und für das eigene Texten, geschweige denn von eigenen Recherchen. Das führt dazu, dass PR-Texte manchmal ungeprüft 1:1 übernommen werden, nicht zuletzt auch, weil diese (PR-)Texte oft perfekt geschrieben sind und zuweilen in journalistischer Form daherkommen.

Versuch der Einflussnahme
Den Versuch der redaktionellen Einflussnahme (bzw. Gehörverschaffung) gibt es schon lange, die Mittel dazu werden aber immer unverblümter. Wenn ein Interessenverband seine Interessen nicht auf redaktioneller Ebene durchdrücken kann, kann es schon vorkommen, dass er seinen Inserateauftrag zurückzieht oder ein Medium sonstwie unter Druck setzt. Notfalls ist auch die Medienschelte ein bewährtes Druckmittel («Lügenpresse!»). Gleichwohl gibt es Medienprodukte und Verlage, die sich diesem Druck entziehen und sich um eine faire und objektive Berichterstattung bemühen, indem sie zum Beispiel redaktionelle Beiträge klar von PR-Beiträgen trennen und letztere als solche kennzeichnen. Was das im Detail für einen Verlag wie Schwabe/Ärzteverlag EMH konkret heisst, beschreiben Bruno Kesseli (S. 11 und 12), Karin Würz (S. 10) und Natalie Marty (S. 13) in dieser Ausgabe der Synapse sehr eindrücklich. Auch die Synapse, die vom Schweizerischen Ärzteverlag EMH herausgegeben wird, bewegt sich in diesem Umfeld und kann von sich behaupten, dass sie nach journalistischen Standards produziert wird, dass die Redaktionskommission absolut unabhängig und in der Themenwahl völlig frei ist.
Das gilt auch für zwei weitere Beiträge in dieser Synapse: Odette Frey beschreibt das journalistische Arbeitsumfeld innerhalb der SRG, indem sie von ihrer Arbeit als Redaktorin und Moderatorin der Gesundheitssendung «Puls» des Schweizer Fernsehens berichtet. Und Alan Niederer erklärt, warum er als studierter Arzt heute für die NZZ als Journalist tätig ist und wie er mit dem Anspruch der «Qualitätszeitung» NZZ umgeht.

Fazit
Was heisst das nun alles für das Verhältnis zwischen Medizin und Medien? In einem Beitrag für das Buch «Medien und Medizin»2 schreibt Iwan Rickenbacher, ehemaliger CVP-Generalsekretär und heute selbständiger Medienberater: «Das Verhältnis zwischen Medien und Medizin wird angesichts der Bedeutung, welche die Menschen der Gesundheit zumessen, immer herausfordernd sein. Soweit die Medizin diese Beziehung beeinflussen kann, sollte sie versuchen, Medienkontakte auf die inhärenten medizinischen Absichten auszurichten. Instrumentalisierungsversuche führen zu momentaner Kumpanei oder zu Mesalliancen mit meist negativen Spätfolgen, sowohl für die Medien als auch für die Medizin und ihre Ansprüche.»
Bernhard Stricker, lic. phil., Redaktor Synapse

1 Manuel Puppis, Michael Schenk, Brigitte Hofstetter: «Medien und Meinungsmacht», Stiftung für Technologiefolgen- Abschätzung (TA-Swiss), vdf-Verlag, 2017

2 Peter Stulz, Gaetano Romano: «Medien und Medizin – Medizin als Medienereignis», Chronos Verlag, 2008

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